Wie viel Gesundheit ist gesund? 4 hilfreiche biblische Prinzipien
Wir möchten so gern daran glauben, dass es möglich ist, auf dem Weg durchs Leben alles mitzunehmen, was geht – und dann langsam alt (und am besten noch weise) zu werden, dabei vital zu bleiben, genussfähig, lebensbejahend, wenn möglich in der eigenen Immobilie wohnend und umringt von liebenden und geliebten Menschen. Und all das am besten mit einem fitten Körper ohne nennenswerte Gebrauchsspuren, der einen auch in dieser Phase noch gut durchs Leben trägt! Bis wir dann eines Tages mit der Frage konfrontiert werden, was Treppenlifte wirklich kosten.[1]
Mit diesen humorvollen Worten leitet die Ärztin Dr. Yael Adler ihren Bestseller Genial vital zum Thema Gesundheit im Alter ein und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Genauso stelle ich mir das Älterwerden vor. Momentan erfreue ich mich noch bester Gesundheit, und mein 42-jähriges Ich weigert sich daran zu glauben, dass es eines Tages tatsächlich einen Treppenlift brauchen könnte.
Ich doch nicht. Schließlich tue ich etwas für meine Gesundheit. Ich gehe regelmäßig laufen (letztes Jahr habe ich sogar einen 10-Kilometer-Lauf absolviert!), mache Krafttraining, achte auf meine Ernährung und habe mir eine Fitness-Uhr zugelegt, mit der ich Schritte, Flüssigkeitszufuhr, Atmung, Herzfrequenz und meinen Schlaf überwachen kann. Laut meiner Uhr habe ich ein Fitnessalter von 34 Jahren. Der Treppenlift kann warten.
Und doch ist das nur eine Seite der Medaille. Ich mag zwar körperlich fit sein, aber dennoch merke ich, dass auch ich älter werde. Ich bin müder als noch vor zwanzig Jahren, brauche mehr Schlaf, reagiere empfindlicher auf Lärm und Stress und muss vermehrt Fachärzte aufsuchen, weil der Körper mehr Aufmerksamkeit verlangt, als mir lieb ist.
Der Alterungsprozess lässt sich nicht aufhalten. Und gerade, wenn man denkt, man kann mit seiner sportlichen Leistung zufrieden sein, sieht man andere, die weitaus aktiver sind. Zehn Kilometer laufen andere zum Warmwerden, wenn sie einen Marathon laufen! Vielleicht sollte ich also noch mehr laufen, meine Ernährung noch radikaler gestalten? Tipps dazu gibt es im Internet genug. Doch es überfordert mich, und ich stelle mir zunehmend die Frage: Wie viel Gesundheit ist überhaupt gesund?
Meistens folgt darauf eine zweite Frage: Wozu das Ganze überhaupt? Der Treppenlift mag eine Option sein, das Grab jedoch nicht. Spätestens seit ich letztes Jahr am Grab meiner Schwester stand, die im Alter von nur 39 Jahren nach einem langen Krebsleiden verstorben ist, stelle ich mir diese Frage: Wozu sich um einen gesunden Lebensstil bemühen, wenn dieser Körper doch zum Sterben verdammt ist? Ist er wirklich die Mühe wert?
Zugegeben, an den meisten Tagen denke ich nicht so pessimistisch. Aber es sind Fragen, denen wir auch als Christen nicht ausweichen sollten. Wenn wir uns mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzen, wird schnell klar, dass sowohl die Option, sich gar nicht darum zu kümmern, als auch die, sich zu sehr darauf zu fixieren, wenig hilfreich ist. Wie viel Gesundheit ist gesund? Während ich in den letzten Jahren darüber nachgedacht habe, bin ich zu einigen Antworten gekommen.
Zunächst will ich kurz beleuchten, was die Bibel dazu sagt, anschließend einige Prinzipien aufzeigen, die helfen können, weder in das eine noch in das andere Extrem zu fallen.
Gesundheit in der Bibel: ein Überblick
Die Bibel sagt relativ wenig über einen gesunden Lebensstil. Das hat zwei Gründe: Erstens gilt ihr Hauptinteresse unserem Herzen, der inneren Haltung Gott gegenüber, nicht unserem Körper. Grundsätzlich lehrt die Bibel, dass der Körper etwas Gutes ist. Wir Menschen sind für eine materielle Welt geschaffen. Gott gab uns das Prädikat „sehr gut“ (1Mo 1,31). Daher dürfen wir das Körperliche nicht geringschätzen. Unser Körper ist kein Gefängnis, dem es zu entkommen gilt. Seit dem Sündenfall sind wir der Sterblichkeit unterworfen, doch nicht ohne die Hoffnung, eines Tages leiblich aufzuerstehen und in einer neuen Schöpfung zu leben (vgl. 1Kor 15; Offb 21).
Vor diesem Hintergrund schrieb Paulus: „Mögen auch die Kräfte unseres äußeren Menschen aufgerieben werden – unser innerer Mensch wird Tag für Tag erneuert“ (2Kor 4,16). Unser Körper wird schwächer, doch Gott stärkt unseren inneren Menschen. Daher schreibt Paulus auch: „Den Körper zu trainieren bringt nur wenig Nutzen, aber sich in der Ehrfurcht vor Gott zu üben ist in jeder Hinsicht nützlich“ (1Tim 4,8). Ein gesunder Lebensstil ist nicht unwichtig, aber ein gottesfürchtiger Lebenswandel ist wichtiger.
Zweitens schweigt sich die Bibel zum Thema Gesundheit aus, weil sie in einem kulturellen Kontext entstand, in dem viele unserer heutigen Probleme unbekannt waren. Die meisten Menschen hatten ausreichend Bewegung und natürliche Ernährung. Yael Adler bemerkt dazu:
„Was uns krank macht, ist der ‚westliche‘ Lebensstil. Nicht umsonst gibt es den Begriff ‚Zivilisationskrankheiten‘. Es sind überwiegend Beschwerden, mit denen traditionell naturnah lebende Völker bislang eher wenig Probleme haben.“[2]
Das heißt nicht, dass Menschen damals gesünder waren. Sie litten an anderen Krankheiten, die heute behandelbar sind. Den Seeleuten im 18. Jahrhundert mangelte es garantiert nicht an frischer Luft und ausreichend Bewegung, dafür aber an Vitamin C und Hygiene, sodass sie von Skorbut, Typhus und Tuberkulose dahingerafft wurden – alles Dinge, über die sich der heutige Büroangestellte keine Gedanken macht. Wir dürfen dankbar sein für den medizinischen Fortschritt.
Aber diese Einsichten haben wir nicht aus der Bibel. Sie ist dafür gedacht, uns in der Gottesfurcht anzuleiten (vgl. 2Tim 3,16-17), nicht um uns Ernährungspläne zu liefern. Auch die Reinheitsgebote in 3. Mose zielen nicht primär auf Gesundheit ab, sondern auf Heiligkeit. Die Unterscheidung zwischen rein und unrein lehrt geistliche Prinzipien, nicht Ernährungsregeln.
Auch Daniel 1 wird oft als Vorlage für gesunde Ernährung genutzt. Doch das ist fragwürdig. Die Ereignisse waren historisch einzigartig und nicht als allgemeines Modell gedacht.
Was wir bei Daniel und anderen sehen: Gott kann Gesundheit und langes Leben schenken, wenn es seinen Zielen dient. Mose war mit 120 Jahren noch kraftvoll (vgl. 5Mo 34,7). Paulus hingegen erlebte viel Leid (vgl. Apg 9,15-16). Dennoch kümmerte er sich aktiv um Gesundheit – etwa, als er Schiffbrüchige zum Essen ermutigte (vgl. Apg 27,33-34).
Damit komme ich zu einigen Prinzipien:
1. Hauptsache gottesfürchtig und treu
„Hauptsache gesund!“ – das ist kein biblisches Lebensmotto. Gesundheit ist gut, aber nicht das höchste Gut.
Mir hat die Frage nach meiner Berufung geholfen. Ein gesunder Lebensstil soll mich dabei unterstützen, meinen Aufgaben treu nachzukommen. Ich bin Ehemann, Vater, Gemeindemitglied und arbeite bei der Herold-Mission. Laufen hilft mir, ausgeglichen zu bleiben. Ein Marathon hingegen passt derzeit nicht in mein Leben.
Die Frage lautet also: Was kann und sollte ich für meine Gesundheit tun, damit ich meinen Verantwortungen gerecht werde?
Die Antworten fallen je nach Lebensphase unterschiedlich aus. Für den jungen Vater kann das bedeuten, die Mitgliedschaft im Fitnessstudio auszusetzen, um stattdessen regelmäßig den Kinderwagen zu schieben, damit seine ausgelaugte Frau sich ausruhen kann. Für den Rentner hingegen kann es bedeuten, aktiver und bewusster zu leben, um ausreichend Reserven zu haben, um mit den Enkeln zu spielen.
Ein Christ mag sehr radikal auf seine Ernährung achten und viel Sport treiben, weil seine Berufung darin liegt, unter (Extrem-)Sportlern ein Zeugnis für Jesus zu sein (oder auch nur zur Freude). Ein anderer Christ mag in einen Kulturkreis berufen sein, in dem geselliges Zusammensein bei Bier und Haxe zum guten Ton gehören.
Unser Ziel sollte nicht maximale Gesundheit sein, sondern Treue gegenüber Gott. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns die nötige Kraft gibt.
2. Die christliche Theologie ist lebensbejahend
Gott hat diese Welt gut geschaffen. Die Bibel ist nicht leibfeindlich. Die Auferstehung Jesu ist Grundlage unserer Hoffnung. Daher sollten Christen eine lebensbejahende Haltung haben. Unsere Taten sollen ein Zeugnis für die allgemeine Gnade Gottes und unsere christliche Hoffnung sein (vgl. Mt 5,16).
Praktisch bedeutet das, dass wir als Christen aus Liebe zum Evangelium das Wohl unserer Mitmenschen fördern sollten. Das beginnt im Kleinen – etwa bei der Sorge für unsere Kinder – und kann bis in Politik, Medizin und Forschung reichen. Als Eltern sollten wir beispielsweise darauf achten, dass unsere Kinder sich ausgewogen ernähren, die nötigen Vorsorgeuntersuchen bekommen, usw. Pastoren und Gemeindeleiter sollten auch ein Auge dafür haben, ob einzelne Mitglieder sich in ihren Gemeindeaufgaben nicht aufzehren. Darüber hinaus sollten sich Christen auch in Politik, Medizin und Forschung betätigen, um dabei zu helfen, ein gesünderes Umfeld zu schaffen, Krankheiten zu bekämpfen und die Lebensbedingungen der Menschen auf dieser Erde zu verbessern.
3. Kümmere ich mich mehr um meinen inneren oder äußeren Menschen?
Trotz aller Bemühungen werden wir altern und sterben. Deshalb sollten wir unsere Seele nicht vernachlässigen.
Es fällt mir oft leichter, laufen zu gehen, als zu beten. Es ist einfacher, den Körper zu schützen als das Herz. Schnell behandeln wir den Körper wie einen Tempel und die Seele wie eine Müllkippe. Doch Gottes Wort setzt klare Prioritäten.
Achte auf deinen Körper, aber sorge dich noch mehr um deinen inneren Menschen. Informiere dich mit guter Literatur über gesunde Ernährung, aber präge deine Seele durch die regelmäßige Lektüre der Bibel. Gehe an die frische Luft, aber begib dich erst recht unter die Predigt von Gottes Wort. Frage andere, wie sie gesund bleiben, aber vernachlässige darüber nicht die geistliche Gemeinschaft mit anderen Christen.
Es gibt jedoch auch Momente im Leben, in denen wir in erster Linie Ruhe brauchen – sowohl vom Gemeindedienst als auch von körperlichen Aktivitäten. Der Prophet Elia ist hier ein gutes Beispiel. Er hatte sich im geistlichen Dienst völlig aufgezehrt und brauchte erst einmal nur viel Schlaf und Essen (vgl. 1Kön 18,5-8). Erst danach hatte er wieder Reserven für weitere Aufgaben. Die Seelenpflege kann also auch bedeuten, mal wirklich vor Gott zur Ruhe kommen – innerlich wie äußerlich.
Auch hier ist jeder von uns anders. So wie Bewegung und gesunde Ernährung die Grundlagen für körperliche Gesundheit sind, die in ihrer praktischen Ausgestaltung ganz unterschiedliche Formen annehmen können, so sind Gottes Wort, Gebet und die Gemeinschaft mit anderen Christen die grundlegenden Gnadenmittel, die Gott uns geschenkt hat, um geistlich gesund zu bleiben. Wie man dann seine Bibel liest, wo und in welcher Haltung man betet oder wie viel geistliche Gemeinschaft mit anderen Christen möglich ist, muss man für sich selbst entscheiden.
Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann sollte es diese sein: Kümmere dich nach Möglichkeit um deinen Körper, aber vernachlässige unter keinen Umständen deine Seele.
4. Nenne nichts Sünde, was Gott nicht Sünde nennt
Mit wachsendem Wissen über Gesundheit kann man leicht denken: „Was habe ich früher alles falsch gemacht!“
An dieser Stelle müssen wir sehr vorsichtig sein, dass wir nicht etwas Sünde nennen, was Gott nicht Sünde nennt. Völlerei und Trinkgelage haben im Leben eines Christen nichts verloren (vgl. Gal 5,21; Lk 21,34). Uns ist zwar „alles erlaubt“, aber nur solange es keine explizite Sünde ist – mit diesem Satz zitiert Paulus vermutlich die Freiheitsliebenden in Korinth, und er widerspricht ihnen auch nicht, stellt aber klar: nicht alles ist nützlich und wir sollen uns von nichts beherrschen lassen (vgl. 1Kor 6,12).
Vielleicht noch ein Wort an diejenigen, die für ihre Familien kochen: Aus Liebe zu deiner Familie solltest du um eine ausgewogene und gesunde Ernährung besorgt sein; aber du musst deine Familie nicht um Vergebung bitten, weil du erkannt hast, dass die Margarine, die du jahrelang benutzt hast, nicht die optimale Zutat war. Du lädst keine Schuld auf dich, nur weil die Fritteuse etwas häufiger zum Einsatz kommt.
Die Bibel gibt uns keine Anleitung für einen gesunden Lebensstil. Sie gibt uns aber etwas viel Besseres: die Hoffnung auf ewiges Leben in einer erneuerten Schöpfung, in der wir all die Ratschläge und Tipps und Tricks für ein gesundes Leben nicht mehr brauchen werden.
Bis dahin sollen wir verantwortungsvoll mit unserem Körper umgehen. Wie das konkret aussieht, ist individuell verschieden.
Doch uns allen gilt: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes!“ (1Kor 10,31). Sowohl das Mineralwasser als auch der Karamell-Kaffee mit Sahne kann zur Ehre Gottes genossen werden.
Ich bin dankbar für die Gesundheit und die Möglichkeiten, die Gott mir schenkt. Und wenn irgendwann der Treppenlift kommt, dann soll es so sein.
[1] Dr. med. Yael Adler, Genial vital! Wer seinen Körper kennt, bleibt länger jung, Droemer Knaur: München, 2023, S. 12.
[2] Ebd., S. 285.
Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe des Herold-Magazins mit dem Titel „Genuss, Gesundheit, Glaube“. Du kannst dir hier kostenlos eine Ausgabe bestellen: Herold-Magazin bestellen

