Sammelt euch Schätze im Himmel
Es mag seltsam klingen, aber ich möchte etwas loswerden: Ich habe das große Glück, nicht-christlich aufgewachsen zu sein. Warum sage ich das? Weil mir dadurch der Kontrast sehr deutlich vor Augen ist, was es heißt, von einer nichtchristlichen Weltanschauung zu einer christlichen zu wechseln. Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich so gelebt, als gäbe es keinen Geist und keine Seele; als bestimme nur Materie das Universum. Mit 21 habe ich mich dann bekehrt und wortwörtlich mein Denken vom Evangelium her umdrehen zu lassen. Ich entdeckte eine geistliche Welt, die Seele in anderen Menschen, das Ebenbild Gottes in meinem Gegenüber und viele weitere spannende Erkenntnisse. Ich wusste, dass ich sozusagen wieder neu laufen lernen musste.
Doch irgendwann beschlich mich ein Verdacht: Hatte ich nur die Seite gewechselt? Als Atheist hatte ich die geistliche Wirklichkeit geleugnet – alles war Materie. Jetzt als Christ drohte ich, den umgekehrten Fehler zu machen: alles Materielle als verdächtig einzustufen. Der Atheist leugnet den Himmel; aber wer als Christ die Erde abwertet, leugnet, dass Gott sie geschaffen hat und gut nennt. Beides schneidet die Wirklichkeit in zwei Hälften. In so einem Dualismus zu leben, macht krank – egal, von welcher Seite.
Heute bin ich 34 Jahre alt und befinde mich in den Vorbereitungen zu einem Umzug. Wir ziehen in eine neue, größere Wohnung. Meine Frau ist schwanger; wir bekommen im September ein Kind. In dem Zusammenhang werden wir im Herbst ein neues Auto haben. Und ich habe vor einiger Zeit einen neuen, teuren PC gekauft, auf dem ich diesen Artikel schreibe. Es fühlt sich vieles gerade wie ein Update für mein Leben an. Alles wird ein wenig größer und teurer, und wir besitzen als Familie mehr als je zuvor.
Und dann ist mir beim täglichen Bibellesen ein Vers ins Gesicht gesprungen:
Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerfressen oder Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch lieber Schätze im Himmel, wo sie weder von Motten noch von Rost zerfressen werden können und auch vor Dieben sicher sind. Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. (Mt 6,19-21)
Die Frage, die Jesus hier an mich richtet, ist: „Ist das gut, was du gerade machst? Bist du sicher, dass all dieser Besitz nötig ist?“ Und das alte dualistische Denken meldet sich: Was, wenn Gott etwas gegen meinen Lebensstil hat?
Ich möchte ehrlich sein: Es wäre bequem, wenn meine Recherche ergeben hätte, dass Jesus nichts gegen meinen Wohlstand hat. Und ich bin mir des Risikos bewusst, dass dieser Artikel wie eine Rechtfertigung meines Lebensstils klingen können. Aber was ich gefunden habe, ist nicht weniger fordernd als die übliche Deutung – es ist fordernder.
Was auf den ersten Blick naheliegt
Was löste dieser Text damals in mir aus, als ich ein junger Christ war? Ich war „frisch“ bekehrt, und die Sache schien klar: Es gibt Reichtümer, die vergehen, und Reichtümer, die ewig bleiben. Die irdischen Schätze – das sind dicke Autos, Geld, tolle Häuser, Yachten. Die himmlischen Schätze, die Gott gefallen, werden dann wohl das Gegenteil sein: nicht Energie in Materielles setzen, sondern in Geistliches. Also Gebet, Mission, Gemeinde, Hauskreis.
Noch spannender wird es, wenn ich von meinem jungen christlichen Ich in die Gegenwart springe. Damals bin ich in der Schreinerlehre Christ geworden. Ich war 21 Jahre alt und besaß nichts. Heute ist das anders: schöne Wohnung, tolle Familie, nettes Auto, neuer Computer und schicke Klamotten. Darum stresst mich dieser Text auch so sehr. Heute könnte man meinen, dass ich zwar Christ bin, aber genau den Reichtum angesammelt habe, vor dem mich Jesus doch eigentlich warnen will.
Dann denke ich an den reichen Jüngling, der zu Jesus kommt und eigentlich fromm wirkt – und den Jesus mit der Aufgabe wegschickt, sich von seinem Besitz zu trennen. Oder an Hananias und Saphira, die von Gott getötet wurden, weil sie mit ihrem Reichtum betrogen haben. Ist doch klar, dass mich diese Bibelstelle stresst. Und vielleicht zu Recht. Die Fragen, die Jesus aufwirft, sind wichtig: Wie viel darf ein Christ besitzen? Sollten wir nicht eigentlich nur mit dem umherziehen, was wir gerade zum Leben brauchen? Wenn ich Schätze im Himmel sammeln will, sollte ich dann nicht lieber Missionar oder Pastor werden?
Diese Deutung klingt demütig und fromm. Sie gibt mir eine klare Handlungsanweisung: weniger Materielles, mehr Geistliches. Viele Christen beruhigen ihr Gewissen genau so – sie spenden großzügig für kirchliche Projekte, engangieren sich in der Gemeinde und hoffen, damit Schätze im Himmel anzusammeln. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stört mich etwas daran.
Ein Blick auf den Kontext
Unsere Bibelstelle steht in der Bergpredigt, genauer gesagt in Matthäus 6. Ein Prinzip, das sich bei der Auslegung bewährt, lautet: „Der Kontext ist König.“ Die Bibel legt sich selbst aus, und viele Fragen klären sich durch die Texte davor und danach.
Direkt vor unserem Text, in den Versen 1 bis 18, spricht Jesus davon, dass wir unsere Frömmigkeit nicht vor den Menschen zur Schau stellen sollen. Das Problem besteht nicht darin, dass jemand meine frommen Tätigkeiten zufällig bemerkt, sondern dass ich sie bewusst so praktiziere, dass sie auffallen müssen – um Aufmerksamkeit zu erregen. In Vers 4 steht: „Dann wird dein Vater, der ins Verborgene sieht, dich belohnen.“
Und direkt nach unserem Text, in Vers 24, kommt die Warnung vor den zwei Herren: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Das ganze Kapitel kreist also nicht um die Frage: „Hast du zu viel?“, sondern um die Fragen: „Wem vertraust du? Woran hängst du? Wer ist dein Herr?“
Und jetzt wird es interessant: Wenn „Schätze im Himmel sammeln“ einfach nur fromme Aktivitäten bedeutet – Gemeindedienst, Spenden, missionarisches Engagement -, dann genau das zur frommen „Schaufensterei“ werden, vor der Jesus in den Versen davor warnt. Die übliche Deutung will den Text ernst nehmen, läuft aber Gefahr, in die Falle zu tappen, die der unmittelbare Kontext beschreibt.
Was „Herz“ wirklich bedeutet
Im Text steckt ein Schlüsselwort, das oft überlesen wird: „Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ Mit Herz verbinde ich instinktiv Gefühle, Emotionen, Leidenschaften – das Gegenteil vom kühlen Kopf. Aber Jesus war Jude. Um im hebräischen Denken ist das Herz (hebr. lev) etwas ganz anderes.
Das Herz ist im jüdischen Denken der Sitz des menschlichen Seins. Es umfasst Wünsche, Denken, Antrieb und Weltanschauung – also eigentlich das, was wir mti dem Verstand verbinden. Die Gefühle spielen, anders als beim westlichen Verständnis, eine untergeordnete Rolle. Wenn David Gott bittet, ihm ein neues Herz zu schaffen (vgl. Ps 51,12), bittet er nicht um neue Gefühle, sondern um eine komplett neue Identität.
Das verändert den Vers enorm. „Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz sein“ heißt dann nicht: Du wirst dich emotional an deinen Besitz klammern. Sondern: Dein Schatz bestimmt, wie du denkst, wie du die Welt siehst, wer du bist. Das ist viel fundamentaler als ein Gefühl. Es geht um Identität.
Trennung von Gabe und Geber
Wenn das Herz die ganze Identität meint, dann stellt Jesus hier eine Diagnose: Was du als deinen Schatz betrachtest, das formt dein ganzes Sein. Die Frage ist also nicht, ob du Besitz hast, sondern ob dein Besitz von Gott abgekoppelt ist oder nicht.
Und hier wird die Sache scharf. Paulus schreibt an Timotheus über reiche Christen: „Ermahne die, die nach den Maßstäben dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu sein und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott – denn Gott gibt uns alles reichlich, und wir dürfen es genießen“ (1Tim 6,17). Beachte: Paulus sagt nicht, Reichtum sei böse. Er sagt, das Problem ist, unsere Hoffnung darauf zu setzen. Das ist Götzendienst – nicht, weil Geld schlecht wäre, sondern weil ich die Gabe vom Geber trenne.
Genau das ist die Urstruktur der Sünde. Die Frucht, durch die Eva zur Sünde verführt wurde, war trotz allem „gut“ – sie gehörte zu guten Schöpfung. Auch der Baum war an sich gut, so wie die gesamte Schöpfung. Aber abgekoppelt von Gottes Wort wurde das Gute zum Gift. Adam und Eva trennten die Gabe vom Geber – und genau davor warnt Jesus hier. Schätze auf Erden sammeln, heißt nicht, Besitz zu haben. Es heißt, Besitz zu haben und Gott dabei außen vor zu lassen.
Und hier liegt die Ironie der rein geistlichen Deutung: wer „Schätze im Himmel“ nur mit frommen Aktivitäten füllt, kann derselben Fehler machen wie jemand, der seine Besitztümer losgelöst von Gott genießt – nur eben von der anderen Seite. Er reduziert Gott auf eine fromme Nische und tut so, als interessiere sich der Schöpfer des Himmels und der Erde nur für Gebetskreise und Missionsprojekte. Die Weisheitsliteratur kennt diese Trennung nicht. In Sprüche 3,9 heißt es: „Ehre den Herrn mit deinem Besitz.“ Das setzt voraus, dass Besitz da ist – und dass er Gott gehört.
Alles gehört Christus
Damit sind wir bei dem Punkt, der mein Verständnis grundlegend verändert hat: Schätze im Himmel sammeln bedeutet nicht, bestimmte fromme Tätigkeiten zu verrichten. Es bedeutet, das ganze Leben – einschließlich Arbeit, Familie, Geld und Alltag – unter Gottes Herrschaft zu stellen. Abraham Kuyper hat das auf den Punkt gebracht:
Es gibt keinen Quadratzentimeter im ganzen Bereich unserer menschelichen Existenz, über den Christus, der souverän über alles herrscht, nicht ruft: „Mein!“
An anderer Stelle schreibt Kuyper noch konkreter über unsere Bibelstelle: „Alles gehört euch, aber ihr gehört mir allem, was euer ist, Christus. Aus diesem Grund muss all euer Besitz im Dienst Jesu verwendet werden. Das bedeutet nicht, dass euer gesammtes Einkommen der Kirche oder der Mission gegeben werden muss. […] Wenn Gott euch reichlich versorgt, müsst ihr nicht in Armut leben.“ Jesus will nicht meinen Zehnten. Er will alles. Nicht weil er nimmt, sondern weil er gibt – und weil die Trennung von Gabe und Geber die Urstruktur der Sünde ist.
Das ist, wie ich Schätze im Himmel heute verstehe. Ich sammle Schätze im Himmel, wenn ich alles, was ich habe und was mich ausmacht, auf den Herrn Jesus Christus ausrichte. Egal, wie vermögend oder arm ich bin. Das gilt für dne Pastor genauso wie für den Handwerker, die Lehrerin, den Unternehmer. Schätze im Himmel sammeln ist kein Sonderprogramm für Missionare und Pastoren – es ist möglich für jeden, mitten im Alltag.
Jesus selbst illustriert diese Prinzip im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25,14-30). Ein Herrn vertraut seinen Dienern seinen Reichtum an. Zwei von ihnen wirtschaften treu damit und werden gelobt. Der dritte vergräbt seinen Anteil aus Angst – und wird gerügt. Nicht der Besitz war das Problem, sondern die Weigerung, ihn im Dienst für den Herrn einzusetzen. Und die Worte, die die treuen Verwalter hören, hallen nach: „Gut gemacht, du treuer Diener.“
Ein alter Zeuge
Es gibt noch eine Stimme, die zu dieser Stelle etwas zu sagen hat: Clemens von Alexandrien. Er lebte um 150 n. Chr., also noch relativ nah an den Zeitzeugen, die selbst mit Jesus unterwegs waren. In seinem Buch Quis Dives Salvetur (Welcher Reiche wird gerettet werden?) widmet er sich genau unserer Frage. Clemens schreibt:
Um wie viel nützlicher ist das Gegenteil, dass einer nämlich selbst genügend besitzt, um nicht in Sorge um das Lebensnotwendige sein zu müssen und um anderen, bei denen es nötig ist, helfen zu können! Denn welche Möglichkeit zum Wohltun bleibe noch in der Welt übrig, wenn niemand etwas besäße?
Ich möchte mit einem weiteren Wort von Clemens schließen:
Der Herr ist selbst zu Gaste bei den reichen Zöllnern, Zachäus und Levi und Matthäus, und er befiehlt ihnen nicht, ihren Reichtum aufzugeben, sondern fordert nur die gerechte Verwendung und verbietet die ungerechte und verkündet: ‚Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.‘
Die wirklich harte Aussage Jesu ist nicht „Gib alles weg.“ Die eigentliche herausfordernde Aussage lautet: „Ich will alles – dein ganzes Leben. Auch deinen Montag, dein Konto, deine Karriere.“ Das ist zugleich befreiend und radikal. Befreiend, weil ich nicht mehr unter dem Druck stehe, mein schlechtes Gewissen durch fromme Aktivitäten zu beruhigen. Radikal, weil Gott nicht weniger fordert als alles.
Ich hoffe für dich, den Leser, und für mich, den Autor dieses Artikels, dass wir einmal ins Himmelreich eintreten und Gott uns auf die Schulter klopft und sagt: „Du hast gut gedient, mein treuer Verwalter.“ Gottes Segen wünsche ich dir.
Jan Brechlin ist ausgebildeter Theologe und gelernter Schreiner. Aktuell arbeitet er hauptberuflich in seinem Handwerk und engagiert sich daneben als Prediger und Evangelist.

