Wie ordnen wir als Christen die Rachepsalmen ein? 7 Dinge, die es zu beachten gilt
Dieser Artikel geht auf eine Leserfrage zurück: Elsbeth hatte gefragt: Wie können wir als Christen die Rachepsalmen im Alten Testament verstehen?
Das Buch der Psalmen gehört vermutlich zu den beliebtesten Büchern des Alten Testaments. Es enthält die bekanntesten und am häufigsten zitierten Passagen des ersten Teils der Bibel. Selbst Menschen, die wenig mit der Bibel anfangen können, kennen und schätzen Worte wie etwa Psalm 23, wo es um Gott als den guten Hirten geht.
Viele Psalmen wurden vertont und sind weltweit bis heute fester Bestandteil der Gottesdienste. Doch mitunter finden sich in den Psalmen harte Aussagen, die insbesondere uns im Westen im 21. Jahrhundert ein Anstoß sind. Stellen wie Psalm 58,11 – „Freuen wird sich der Gerechte, wenn er die Rache anschaut; er watet im Blut des Gottlosen“ – oder Psalm 137,9 – „Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert!“ – stehen im starken Kontrast zum neutestamentlichen Gebot der Feindesliebe (vgl. Mt 5,43-45; Lk 6,27-28).
Wie haben wir also diese Verse zu verstehen und einzuordnen? Anders gefragt: Haben die Rachepsalmen für uns als Christen noch irgendeinen Nutzen? Manche mögen argumentieren, dass die Rachepsalmen der Botschaft Jesu von der Liebe Gottes und der Liebe zu den Mitmenschen widersprechen und deshalb keine Relevanz mehr für uns haben. Demnach sollten wir die Rachepsalmen als einen Teil des Alten Testaments sehen, der für uns heute keine Bedeutung mehr hat (vergleichbar mit dem alttestamentlichen Opfersystem, das durch den stellvertretenden Tod Jesu ein für allemal abgelöst wurde; vgl. Hebr 10,10-18).
Ich denke jedoch, dass die Rachepsalmen auch heute noch ihre Berechtigung haben, wenn wir den Kontext beachten. Fragen wir uns zunächst einmal, was die Rachepsalmen im Kern sind oder was sie beinhalten. Bei den Rachepsalmen oder Fluchpsalmen handelt es sich um Aussprüche von gottesfürchtigen Menschen, die Gott, den Schöpfer und Richter der Erde, darum bitten, sein Strafgericht an Übeltätern zu vollziehen. Darum geht es. Schauen wir ins Neue Testament, finden wir dasselbe Prinzip sowohl bei Jesus als auch bei den Aposteln.
1. Jesus gebraucht die Rachepsalmen
Die „Wehe“-Rufe Jesu über die Pharisäer und Schriftgelehrten in Matthäus 23,13-39 sind im Grunde genau das. Das wird umso deutlicher, wenn er am Ende sagt: „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“ (Mt 23,38) – eine direkte Anspielung auf Psalm 69,26, einen der Rachepsalmen, in denen der gottesfürchtige David über seine Feinde sagt: „Verödet sei ihr Lagerplatz, in ihren Zelten sei kein Bewohner!“ Genau diese Stelle wird auch von Petrus in Apostelgeschichte 1,20 zitiert und auf den Tod von Judas angewandt. Was mich zu einem zweiten Punkt bringt.
2. Die Apostel gebrauchen die Rachepsalmen
Petrus zitiert in Apostelgeschichte 1,20 neben Psalm 69,26 noch Psalm 109,8 (ebenfalls ein Rachepsalm) und da die niedergeschriebenen Berichte vermutlich nur einen Bruchteil der eigentlichen Rede darstellen, können wir davon ausgehen, dass Petrus vermutlich noch mehr Verse aus den Psalmen angeführt hat, als nur die zwei, die Lukas uns in seiner Zusammenfassung zitiert.
Auch Paulus macht von den Rachepsalmen Gebrauch, sowohl in seiner theologischen Argumentation als auch in der Verteidigung seiner Person und seines Dienstes. So belegt er die Verstockung seiner Landsleute und ihren Unglauben an das Evangelium mit Worten aus Psalm 69,23-24: „Und David sagt: ‚Es werde ihr Tisch ihnen zur Schlinge und zur Falle und zum Anstoß und zur Vergeltung! Verfinstert seien ihre Augen, um nicht zu sehen, und ihren Rücken beuge allezeit!‘“ Am Ende des 1. Korintherbriefes spricht Paulus eine Fluchformel aus, die dem der alttestamentlichen Psalmschreiber in nichts nachsteht: „Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht!“ (1Kor 16,22).
Als bei einer Gerichtsverhandlung der Hohepriester einem Diener befiehlt, Paulus ungerechtfertigt zu schlagen, erwidert der Apostel: „Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand!“ (Apg 23,3). Das Bild von der „getünchten Wand“ dürfte auf die oben genannten Wehe-Rufe Jesu zurückgehen und meint eine hübsch angestrichene Gruft, die von außen einiges hermacht, in dessen Inneren jedoch Tod und Verrottung herrschen.
An Timotheus schreibt Paulus die Warnung: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses erwiesen; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. Vor ihm hüte auch du dich! Denn er hat unseren Worten sehr widerstanden“ (2Tim 4,14-15). Dieser Wunsch nach Vergeltung ist insbesondere interessant, wenn wir uns den nächsten Vers anschauen: „Bei meiner ersten Verteidigung stand mir niemand bei, sondern alle verließen mich; es werde ihnen nicht zugerechnet“ (V. 6; vgl. 2Tim 1,15).
Paulus konnte anderen gegenüber, die ihn aus welchen Gründen auch immer verlassen oder aus niederen Motiven das Evangelium verkündigten (vgl. Phil 1,15-18) sehr gnädig und vergebungsbereit sein. Doch da, wo Menschen wiederholt und böswillig und unbußfertig ihn als Apostel Jesu und seine Botschaft aktiv bekämpften, fand er klare Worte: Gott, mögest du sie richten! Denn was sonst, sollte Gott auch mit solchen Menschen tun? Was mich zu einem weiteren Punkt bringt.
3. Der große biblische Kontext der Rachepsalmen
Wenn wir uns das Welt- und Menschenbild der Bibel zu Herzen nehmen, sollten die Rachepsalmen uns eigentlich nicht überraschen.
Die Bibel geht grundsätzlich davon aus, dass wir in einer gefallenen Welt leben, in der das Böse real existiert und die Sünde alles in Mitleidenschaft zieht – und dass die Menschheit schuld daran ist! Nach der Lehre der Bibel ist der Mensch von seinem Wesen her böse, während er jedoch auch zu guten Taten fähig ist. Niemand hat das besser auf den Punkt gebracht als Jesus: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, …“ (Mt 7,11). Dabei müssen wir bedenken, dass Jesus das zu seinen Jüngern sagte!
Interessanterweise sieht unsere Kultur das genau umgekehrt. Viele denken, dass der Mensch grundsätzlich gut, aber zu bösen Taten fähig ist. Für dieses Menschenbild ist es natürlich schwer, die Rachepsalmen einzuordnen. Die Autoren der Rachepsalmen schrieben jedoch vor dem Hintergrund einer biblischen Welt- und Menschensicht, wozu noch die heilsgeschichtliche Komponente kommt.
4. Der heilsgeschichtliche Kontext der Rachepsalmen
Alle Psalmschreiber verstanden sich als Teil von Gottes erwähltem Volk, bzw. ihre Werke wurden als Teil des Schriftenkanons angesehen, weshalb wir sie heute in unseren Bibeln finden. Teil von Gottes Volk – der Bundesgemeinschaft – zu sein, bedeutet, Anteil an den Verheißungen Gottes an Abraham zu haben. Bei der Berufung Abrams sagte Gott: „Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen“ (1Mo 12,3).
Gott wollte die Menschheit durch Abraham und später durch das Volk Israel segnen und wer sich diesem guten Plan entgegenstellte, musste mit dem Fluch Gottes rechnen (vgl. 2Mo 23,22; 4Mo 24,9). Die Psalmen haben ihre eigene Art, diesen Sachverhalt auszudrücken.
5. Die Rachepsalmen im Kontext der Psalters
Psalm 1 und 2 gelten allgemein als Einleitung, als „Eintrittstor“ in den Psalter. Hier wird die Grundlage für das weitere Verständnis der Psalmen gelegt. Der englische Pastor und Autor Glen Scrivener macht uns darauf aufmerksam, dass wir hier vier Hauptpersonen begegnen: 1) Jahwe/Gott; 2) dem Gerechten/König Gottes (der Messias); 3) den Gerechten, die sich bei dem König bergen und 4) den Gottlosen, die dem König widerstehen. Alle weiteren Psalmen behandeln die Interaktion dieser vier Personen, wobei nicht immer alle im Fokus stehen oder zwingend in jedem Psalm auftauchen.1
6. Es geht nicht um persönliche Rache
Das hilft uns, die Rachepsalmen besser einzuordnen und bewahrt uns vor einer falschen Schlussfolgerung. Bei den Rachepsalmen geht es nicht einfach um persönliche Rache, nach dem Motto: „Mein Nachbar hat schon wieder seinen Biomüll über meinen Gartenzaun geschmissen! Dem werd ich’s zeigen!“ Man mag über dieses Beispiel lachen, aber ich vermute mal, dass die allermeisten Kritiker die Rachepsalmen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Probleme und Schwierigkeiten sehen, die oftmals in keinem Verhältnis zu den Leiden stehen, in denen die Psalmisten ihre bitteren Worte Gott geklagt haben. Den Psalmisten geht es um die Ehre Gottes, nicht um persönliche Rache. Letztere war selbst im Alten Testament verboten (vgl. 3Mo 19,17-18; Spr 24,17; 25,21-22).
Wenn David oder die anderen Psalmisten Gott ihr Leid klagen und dabei ihre Feinde verfluchen, dann nur, weil sie Gerechtigkeit wollen. Sie wollen, dass das Böse bestraft wird.
Ein gutes Beispiel dafür ist Psalm 52, weil wir hier den historischen Kontext kennen: Doëg, der Edomiter hatte David an König Saul verraten und in dem Zug eine ganze Sippschaft ausgelöscht, nachdem die Knechte von König Saul es nicht gewagt hatten, Hand an die Priester zu legen.
In 1. Samuel 22,18-19 heißt es: Und Doëg, der Edomiter trat heran, und er machte die Priester nieder, und tötete an diesem Tag 85 Mann, die das leinene Efod trugen. Und Nob, die Stadt der Priester, schlug er mit der Schärfe des Schwertes, Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Esel und Schafe, mit der Schärfe des Schwertes.“ Davids Fluchworte sind angesichts der Tat von Doëg nur angemessen: „Gott wird dich auch zerstören für immer; er wird dich niederschlagen und herausreißen aus dem Zelt und entwurzeln aus dem Land der Lebendigen“ (Ps 52,7).
Nicht immer haben wir einen so direkten Einblick in den Kontext. Aber selbst in Rachepsalmen wie Psalm 69, 109 oder 137 wird innerhalb des Psalms deutlich, dass die harten Worte eine Reaktion auf großes erfahrenes Unrecht und Leid sind.
7. Die Rachepsalmen sind Klagen, die sich an Gott richten
Nicht zuletzt müssen wir bedenken, dass die Psalmen Gebete sind, in denen die Psalmisten ihre Emotionen in Worte kleiden. Es sind keine historischen Berichte, die uns sagen, was jemand getan hat, sondern es sind Gebete. Erfahrenes Unrecht und bitteres Leid braucht ein Ventil und was könnte man Besseres tun, als seine Wut und seine Trauer Gott zu bringen – im Vertrauen darauf, dass er gerecht richtet? Der Alttestamentler Tremper Longman fasst diesen Punkt gut zusammen:
„Und das ist der wichtige Punkt: Die Verwünschungen sind nicht nur Ausdruck des Zorns; sie ermöglichen es uns, unseren Zorn Gott zu überlassen, damit er so handelt, wie er es für richtig hält. Diese Gebete bitten Gott nicht um die Mittel und die Gelegenheit, sich an unseren Feinden zu rächen; sie bitten Gott, dies zu tun, und erkennen seine Freiheit an, zu handeln oder nicht zu handeln, wie er es für richtig hält.“2
Die Rachepsalmen helfen auch uns als Christen, unsere Wut und unsere Trauer über die Ungerechtigkeit und das Böse in dieser Welt in angemessene Worte zu fassen. Wir können dankbar sein, wenn wir persönlich nie so von Menschen angefeindet werden, wie die Psalmisten es erlebten.
Doch diese Welt ist vielerorts dunkel und von Gewalt und Unterdrückung geprägt – insbesondere was unsere Glaubensgeschwister angeht. Wir dürfen gemeinsam mit ihnen für die Feinde des Evangeliums beten, dass sie zur Umkehr kommen und Vergebung für ihre bösen Taten erleben.
Gleichzeitig wissen wir, dass Gottes Gericht über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen noch kommen wird. Als Christen rächen wir uns nicht selbst, überwinden das Böse mit Gutem und überlassen das Gericht Gott, der gesagt hat: „Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr“ (5Mo 32,35; zitiert in Römer 12,19).
- Siehe: https://christthetruth.net/2008/05/05/christ-in-the-old-testament-7/ (abgerufen am 22.07.2025). ↩︎
- Longman, Psalms, S. 52. ↩︎

