Wenn Gott alles neu macht 1

Wenn Gott alles neu macht

Als Pastor und Theologe musste ich mir im Laufe der Jahre viele herausfordernde Fragen stellen. Das größte Problem, mit dem ich konfrontiert war, war ehrlich gesagt die Frage nach dem Leid. Wir alle erleben in irgendeiner Form Leid, und wir alle kennen Menschen, die so schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben, deren Leben so sehr von Leid geplagt war, dass wir uns gefragt haben, wie sie nur weitermachen können.

Wir wollen den Schmerz, den das Leiden mit sich bringt, niemals herunterspielen oder leugnen. Das Christentum ist kein Konzept, das eine stoische Verleugnung fordert, bei dem wir so tun sollten, als wäre alles in Ordnung, obwohl wir gerade das Schlimmste durchmachen.

Gleichzeitig dürfen wir aber niemals vergessen, dass die christliche Hoffnung darin besteht, dass das Leiden eines Tages für immer aufhören wird. Wenn wir mit Leiden konfrontiert sind, neigen wir dazu, unseren Blick ganz darauf zu richten. Die christliche Antwort auf das Leiden verpflichtet uns zwar, das gegenwärtige Leiden wahrzunehmen und auch so weit wie möglich zu lindern, sie richtet aber unseren Blick vor allem über die Gegenwart hinaus auf die Zukunft.

Der Säkularismus vertritt in seinem Wesen die These, dass das Hier und Jetzt alles ist, was es gibt. Die Ewigkeit existiert demnach schlichtweg nicht. Aber als Christen sind wir aufgerufen, alles – auch die Gegenwart – im Licht der Ewigkeit zu betrachten. Das ist es, was Jesus immer wieder predigte; zum Beispiel auch, als er sagte:

„Was nützt es einem Menschen, wenn er (in dieser Zeit und an diesem Ort) die ganze Welt gewinnt, aber seine eigene Seele dabei verliert?“ (Lukas 9,25)

Die Bibel sagt, dass das Ende die Bedeutung des Anfangs bestimmt, nicht umgekehrt (vgl. Prediger 7,8). Gott allein kennt das Ende von Anfang an vollständig. Aber er gibt uns in seinem Wort einen kleinen Einblick in das Ende, auf das wir zusteuern. Und wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Ende richten und nicht nur auf das Hier und Jetzt und auf den Schmerz, den wir hier erleben, dann können wir beginnen, unseren Schmerz aus der richtigen Perspektive zu verstehen.

In Offenbarung 21 und 22 gibt uns Gott einen der klarsten Einblicke in die Zukunft. Er enthüllt für uns den neuen Himmel und die neue Erde. Der Höhepunkt steht in Kapitel 21, die Verse 3 bis 4:

Siehe, die Wohnung Gottes ist bei den Menschen. Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein als ihr Gott. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

Ich hatte eine schwere Kindheit. In unserer Nachbarschaft gab es einen Jungen, der viel größer war als ich und mich oft schikanierte. Häufig verprügelte er mich, und ich rannte weinend nach Hause. Zuhause angekommen traf ich meistens auf meine Mutter, die mit ihrer Schürze bekleidet in der Küche stand. Wenn sie mich weinen sah, beugte sie sich zu mir herunter, wischte mir mit dem Rand ihrer Schürze die Tränen weg – eine der liebevollsten und zärtlichsten Formen der Kommunikation und sagte: „Komm, mein Schatz. Das wird schon wieder.“ Dann fühlte ich mich wirklich getröstet und ermutigt, und konnte mich wieder in den Kampf des Lebens stürzen.

Aber früher oder später wurde ich wieder verletzt, kehrte wieder weinend nach Hause und meine Mutter musste mir wieder die Tränen wegwischen. Doch wenn Gott unsere Tränen wegwischt, werden sie für alle Ewigkeit fort sein. Von da an gibt es höchstens Tränen der Freude!

Das ist die Ewigkeitsperspektive des Christen. Das ist das Ende vom Neuanfang. Im Moment leben wir im Tal der Tränen, aber diese Situation ist nicht von Dauer, weil Gott unsere Tränen abwischen wird.

Johannes sagt auch: „Der Tod wird nicht mehr sein, noch wird es Trauer oder Weinen geben“ (V. 4). Tod, Trauer, Weinen, Schmerz – all das gehört zu den früheren Dingen, die vergehen werden. Ich stelle mir innerlich vor, wie ich mich mit dir im neuen Jerusalem unterhalte und du sagst: „Erinnerst du dich noch daran, als wir uns über das Problem des Leidens Gedanken machten?“ Und ich werde sagen: „Ehrlich gesagt, kann ich mich kaum noch daran erinnern, was Leiden war.“

Dann lesen wir in Vers 22 von etwas anderem, das es nicht mehr geben wird. Denn nicht nur Trauer und Tod werden vergehen, auch keinen Tempel wird es mehr geben im neuen Jerusalem des neuen Himmels und der neuen Erde. Aber wie kann Jerusalem eine heilige Stadt sein, ohne einen Tempel? Johannes weiß, dass es kein Tempelgebäude mehr brauchen wird, denn es wird eine andere Art von Tempel geben – „den Herrn, den allmächtigen Gott, und das Lamm“.

Das schönste irdische Heiligtum dieser Welt wird im neuen Jerusalem überflüssig sein, weil wir in der Gegenwart Gottes und des Lammes sein werden. „Es wird nichts Verfluchtes mehr geben“ (22,3). Das schöne Weihnachtslied „Freue dich Welt“ enthält diese wundervolle Zeile, wo es heißt: „Sein wird die ganze Welt.“

In der gegenwärtigen Zeit erstreckt der Fluch der Sünde noch bis ans Ende der Erde und beeinflusst unser Leben, unsere Arbeit, unsere Geschäfte, unsere Beziehungen. Alle leiden unter den Qualen des Fluchs einer gefallenen Welt. Deshalb sehnt sich auch die gesamte Schöpfung und seufzt gemeinsam in der Hoffnung auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes, auf den Moment, in dem der Fluch aufgehoben wird (vgl. Röm 8,19). Im neuen Jerusalem wird es kein Unkraut und keine Dornen geben. Die Erde wird sich nicht gegen unsere Pflüge wehren, weil der Fluch nicht mehr da sein wird. „Aber der Thron Gottes und das Lammes wird darin sein, und seine Knechte werden ihm dienen“ (Offb 22,3).

Und damit kommen wir zur größten Hoffnung und unglaublichen Verheißung des Neuen Testaments: wir werden Gottes Angesicht sehen (vgl. V. 4).

Unser ganzes Leben lang können wir dem Herrn nahekommen, können seine Gegenwart spüren, mit ihm reden, aber wir können ihn nicht sehen. An dem Tag aber, an dem wir durch die Schmerzen und Leiden dieser gegenwärtigen Welt in die Ewigkeit hinübergehen, wartet auf der anderen Seite Gott auf uns. Kannst du dir das vorstellen? Hast du dir je vorgestellt, wie es sein wird, Gottes unverhüllte Herrlichkeit auch nur für eine Sekunde anzuschauen? Dieser Moment würde jeden Schmerz, den ich jemals in dieser Welt erlebt habe, wettmachen.

Johannes sagt uns: „Diese Worte sind zuverlässig und wahr“ (V. 6). Das ist kein Balsam für unsere Ohren, kein Opium, um unseren gegenwärtigen Schmerz zu betäuben, sondern die absolute Wahrheit des allmächtigen Gottes, der uns geschaffen hat, uns kennt und uns durch das Leiden seines Sohnes erlöst hat. Er hat garantiert, dass alle, die an ihn glauben, allein durch den Glauben in Christus zu seiner Herrlichkeit bestimmt sind. Und nichts kann diesen Zug zum ewigen Leben entgleisen lassen. So werden diese früheren Dinge, die uns so viel Kummer bereiten, für immer vergehen, und er wird alle Dinge neu machen.

R.C. Sproul (1939-2017) war viele Jahre Pastor für systematische Theologie und Leiter von Ligonier Ministries. Er war vor allem für seine Radioarbeit, seine zahlreichen geistlich tiefgründigen Bücher und seine Mitarbeit an der Genfer-Studienbibel bekannt.

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