Sünde zum Tod
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Was ist mit der „Sünde zum Tod“ in 1. Johannes 5,16 gemeint?

Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, soll er bitten, und er wird ihm das Leben geben, denen, die nicht zum Tod sündigen. Es gibt Sünde zum Tod; nicht im Hinblick auf sie sage ich, dass er bitten solle. (1. Johannes 5,16)

Eine harte Aussage! Aber halten wir fest: Der Vers sagt nicht: Es gibt Sünde für die es keine Vergebung gibt! Bei Voreiligem Lesen kann man genau darauf schließen. Um Texte richtig zu verstehen, ist es eine unbedingte Voraussetzung, sie in ihrem Kontext zu betrachten. Der Versuch, Sätze losgelöst von ihrem Kontext zu interpretieren, hat schon zu vielen Missverständnissen geführt.

Der Kontext von 1. Johannes 5

Der weitgefasste Kontext unserer Stelle handelt von Zuversicht. Johannes wollte, dass seine Leser Zuversicht in Christus haben und darin, dass sie das ewige Leben sicher haben, weil sie an den Namen des Sohnes Gottes glauben (5,10-13). An dieser Zuversicht (Heilsgewissheit) war für Johannes nicht zu rütteln.

Der nähere Kontext handelt davon, dass sich diese Zuversicht in einem vertrauensvollen Gebet ausdrückt (V. 14). In Kapitel 3 hat Johannes die Themen Gebet und Vertrauen schon einmal angesprochen und deutlich gemacht, dass ein vertrauensvolles Gebet auch mit einem entsprechenden Leben verbunden sein muss, einem Leben, dass Gott verherrlicht (vgl. 3,21-23).

Johannes hat in seinem Brief mehr als deutlich gemacht, dass es wahre Gläubige und Scheingläubige gibt, solche, die um ihre Sünde wissen und sie bekennen und solche, die sie leugnen und Gott zum Lügner machen (vgl. 1,7-10); er unterscheidet zwischen denen, die Gott lieben und denen, die die Annehmlichkeiten der Welt vorziehen (2,15-16). Johannes macht auch klar, dass der Gläubige nicht perfekt ist (2,1). Er ist bemüht, das Richtige zu tun und er sehnt sich danach, von seiner Sünde frei zu werden, aber er kann noch immer versagen.

Johannes erklärt aber: Nach dem Willen Gottes zu leben und das Richtige zu tun, bedeutet in erster Linie, „dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben“ (3,21-23). Glaube und Liebe sind Gottes Gebot und die Kennzeichen ewigen Lebens.

Und weil Glaube und Liebe die entscheidenden Kriterien sind, geht Johannes in den folgenden Versen zuerst auf die Grundlagen des Glaubens ein – dass in Christus Gott Mensch wurde (4,1-4) und wir allein durch Gottes gnädige Liebe und Christi Opfer Vergebung und ewiges Leben haben (4,7-10) -, und erklärt dann, dass dieser Glaube in unserer Liebe zu anderen sichtbar werden muss. Und genau in diesem Kontext steht unser Vers:

Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, soll er bitten, und er wird ihm das Leben geben, denen, die nicht zum Tod sündigen. Es gibt Sünde zum Tod; nicht im Hinblick auf sie sage ich, dass er bitten solle.

Der Kontext sagt, dass wir aus Liebe dazu aufgefordert sind, für andere zu beten, und zwar auch dann, wenn sie im Kampf gegen die Sünde versagen, und wir erhalten die Verheißung, dass Gott auf unsere Gebete antworten wird. Doch dann nennt Johannes einen Fall, bei dem wir diese Zuversicht nicht haben können – und zwar, wenn der andere eine „Sünde zum Tod“ begeht. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass Johannes nicht sagt, es sei verboten, für so jemanden zu beten, oder dass es bestimmte Sünden gäbe, bei denen jedes Gebet sinnlos wäre.

Die Sünde zum Tod: eine Todsünde?

Tatsächlich hat dieser Vers dazu geführt, dass sich innerhalb der Kirche eine bestimmte Kategorie von Sünde etabliert hat – sogenannte Todsünden -, die so schlimm sein sollen, dass Gott sie niemals vergeben könne. Die Schwierigkeit dabei ist, dass eine solche Unterscheidung im Neuen Testament nicht zu finden ist und dies sogar anderen Aussagen im Johannesbrief widersprechen würde (vgl. 1. Johannes 1,9; 2,2.12; 5,13).

Die Sünde zum Tod: die Lästerung des Geistes?

Eine zweite Ansicht ist, dass Johannes hier von einer bestimmten Sünde spricht: Der „Lästerung des Geistes„, vor der auch Jesus warnte. Damit ist ein extremes Ablehnen von Gottes Werken und seinen Wahrheiten gemeint, wie es die Pharisäer damals taten. Sie hatten Jesu Worte und Werke dem Satan zugeschrieben. Daraufhin antwortete Jesus:

Jede Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. (Matthäus 12,31-32)

Die Sünde zum Tod: bewusste Abkehr vom Glauben?

Eine weitere Ansicht konzentriert sich darauf, dass es im 1. Johannesbrief vorrangig um Irrlehren geht und um die Abkehr Scheingläubiger von der Gemeinde (vgl. 2,19). Daher meinen viele, es handle sich bei dieser „Sünde zum Tod“ um eine bewusste Abkehr vom Glauben. Dies würde sich ann auch auf andere Stellen beziehen, in denen davon die Rede ist, dass ein Christ „nicht sündigt“ oder nicht „die Sünde“ begeht – obwohl Johannes ja deutlich macht, dass auch ein Christ sündigt (vgl. 3,9.18; 5,18; 1,9).

Damals war die Gefahr des Abfalls ganz besonders durch die Gruppe der Gnostiker präsent. Sie hatten sich anfangs zum Glauben an Jesus als den Christus bekannt, ihn dann aber später verworfen. Da Johannes in all seinen Schriften ganz klar die Sicherheit und Unverlierbarkeit der Errettung lehrt, gibt es so etwas wie den Abfall eines echten Gläubigen nicht. Die Gnostiker waren niemals Christen, sondern nur äußerliche Anhänger der Gemeinde (vgl. 2,19b).

Ist hier also unbedingt ein Christ gemeint, wenn Johannes von einem „Bruder“ redet, oder kann es auch sein, dass er hier vom Gebet für die Errettung eines Ungläubigen spricht, dem Gott „das (ewige?) Leben“ gibt? Es gibt tatsächlich Stellen im 1. Johannesbrief, bei denen „Bruder“ auch für den „Nächsten“ verwendet werden kann und nicht ausschließlich für den Glaubensbruder (vgl. 2,9.11; 3,16-17). Allerdings ist das nicht eindeutig genug, als dass man hier zu einem festen Entschluss kommen könnte.

Die Sünde zum Tod: physischer Tod eines Unbußfertigen?

Die Tatsache, dass keine der Sichtweisen eine völlig zufriedenstellende Antwort gibt, führt zu der Frage, ob Johannes vielleicht vom physischen Tod eines Christen spricht, der an einer absichtlichen Sünde festhält.

Die Bibel nennt ein paar solcher Beispiele, wie Hannanias und Saphira oder „Entschlafenen“ in Korinth (vgl. Apg 5,1-11; 1Kor 11,30). In dem Fall würde Johannes sagen, dass Gott in manchen Fällen bereits ein Urteil über eines seiner Kinder gefällt hat, weil es nicht von seinem falschen Weg umkehrt, egal wie sehr ein anderer Christ für diesen Christen betet. Hierbei ginge es dann aber „nur“ um das „Verderben des Fleisches, damit der Geist [des Bruders] gerettet wird“ (vgl. 1Kor 5,5), nicht um die Verlierbarkeit des Heils. Wie schon gesagt, wäre dann das Gebet nicht verboten, dem Gebet kann aber nicht die Zuversicht entgegengebracht werden, wie im ersten Fall.

Fazit

Letztendlich kann man zu unterschiedlichen Meinungen kommen, aber wohl nicht mit absoluter Sicherheit sagen, was mit der „Sünde zum Tod“ gemeint ist.

Trotzdem hat dieser Vers wichtige Konsequenzen für uns.

Oft neigen wir bei solch schwierigen Stellen dazu, einem Teil des Verses unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen, während wir die eigentliche Aussage völlig außer Acht lassen. Die Aussage dieses Verses ist, dass wir, von Liebe getrieben, für jeden beten sollen, der mit Sünde zu kämpfen hat. Es liegt nicht an uns, zu entscheiden, wann und wo ein Ausnahmefall eintritt.

Nehmen wir beispielsweise Jesu Gebet für Petrus. Petrus hatte drei Jahre mit Jesus verbracht, doch als er nach Jesu Verhaftung gefragt wird, ob er zu Jesus gehöre, wird er schwach und verleugnet seinen Herrn. Er schwört sogar, ihn nicht zu kennen! Stellen wir uns vor, wir hätten das Ende der Geschichte nicht. Vermutlich würden wir sagen: Wenn jemals jemand die Sünde zum Tod begangen hat, dann Petrus. Aber Petrus ist nicht gestorben – weder körperlich noch geistlich. Gott hat ihm ein langes Leben geschenkt, in dem er Jesu Namen verkündete. Außerdem betete Jesus für ihn: „Simon, Simon, der Satan hat versucht, dich zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört“ (Lk 22,31-32).

Wir brauchen keine Aufforderung, nicht zu beten. Das schaffen wir leider ganz allein. Was wir aber brauchen, ist die Aufforderung für andere zu beten. Und genau das tun Johannes, Jesus und das Beispiel von Petrus sehr klar.

Die Angst, „könnte es sein, dass ich diese Sünde begangen habe?“, können ebenfalls Worte von Johannes entgegengesetzt werden:

Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit (1,9).

Also: Lasst uns auf Gott vertrauen, am Gebet (besonders für andere) festhalten und ausdauernd bleiben im Kampf gegen die Sünde.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Oktober-Ausgabe des Herold Magazins. Die Ausgabe kann hier kostenlos nachbestellt werden.

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