Schaust du nur auf deine Suende

Schaust du nur auf deine Sünde oder auf das, was Gott wirkt?

Ich liebe das Alte Testament, insbesondere die Abschnitte, die eher stiefmütterlich behandelt werden. Ich meine Bücher wie das Hohelied, 3. Mose und 1. Chronik, die von vielen Christen in ihrer Bibellese übersprungen werden, weil sie ihnen merkwürdig und fremdartig vorkommen. Irgendwie scheinen diese Texte wenig praktischen Nutzen für unseren Alltag als Christ zu haben.

Zugegeben, es gibt Bibelbücher, die leichter zugänglich sind. Doch ich werde immer wieder überrascht, wenn ich Zeit mit diesen Außenseitern verbringe. Zwischen all den merkwürdigen Riten und vermeintlich langweiligen Namenslisten springen mir Verse ins Auge, von denen ich einiges lernen kann.

Neulich erlebte ich wieder so einen Fall. Ich war gerade beim Studium von 1. Chronik 9, das mit folgenden Worten beginnt:

Und ganz Israel wurde registriert; und siehe, sie sind aufgeschrieben in dem Buch der Könige von Israel. Und Juda wurde wegen seiner Untreue nach Babel weggeführt. Und die ersten Bewohner, die auf ihrem Grundbesitz in ihren Städten wohnten, waren Israeliten, die Priester, die Leviten und die Tempeldiener (V. 1-2).

Anschließend folgt dann eine Aufzählung der Stämme und Namen, die in Jerusalem und Umgebung wohnten. Ziemlich langweilig, oder?

Nicht so schnell.

Denn tatsächlich hat mich ein Aspekt an diesem Kapitel innehalten lassen, über den es Wert ist, länger nachzudenken:

Der Autor verwendet einen halben Vers, um an die vergangene Schuld Israels zu erinnern und 33 Verse, um die neue positive Situation zu schildern. Der Chronist lässt die Sünde nicht unerwähnt, aber er reitet auch nicht auf ihr rum, sondern verwendet seine kostbare Tinte dafür, seine Leser an den neuen, hoffnungsvollen Ist-Zustand zu erinnern.

Bevor wir uns anschauen, was das genau mit uns zu tun hat, kann es hilfreich sein, den Kontext von 1. Chronik 9 kurz zu erklären.

Ein Neuanfang nach dem Exil

Wenn du deine Bibel vom Anfang bis zum Ende durchgelesen hast oder einem chronologischen Bibelleseplan gefolgt bist, hast du wahrscheinlich die Chronikbücher entweder direkt oder parallel zu den Königebüchern gelesen. Vermutlich hast du dich dabei gefragt, warum du alles doppelt gelesen hast, weil vieles aus den Königebüchern erneut in den Chroniken auftaucht.

Hättest du stattdessen eine hebräische Bibel verwendet, hättest du das Problem nicht gehabt. Denn die Aufteilung der einzelnen alttestamentlichen Bücher ist dort anders. Im hebräischen Alten Testament stehen die Chronikbücher bewusst ganz am Ende und bilden den Abschluss des Kanons. Unsere deutschen Bibelausgaben ordnen die einzelnen Bücher eher nach Gattung.

Zur Abfassungszeit der Chronik war Israel wieder aus dem Exil in Babylon zurück ins Land gekehrt und stand vor einem Neuanfang, sowohl politisch, aber insbesondere geistlich. Vieles hatte sich geändert. Die ursprünglichen zwölf Stämme waren nur noch ein Schatten ihrer selbst, da die Rückkehrer hauptsächlich aus dem ehemaligen Südreich Juda stammten. Auch besaß Israel keine funktionierende Monarchie mehr, sondern stand unter persischer Fremdherrschaft. Da war die Frage durchaus berechtigt, was mit den Verheißungen Gottes war, insbesondere wie es um das Königshaus David stand.

Die Königebücher erzählen die traurige Geschichte vom geistlichen Niedergang Israels und dienen als schriftliches Zeugnis dafür, warum Israel schließlich im Exil landete.

Die Chronikbücher wurden aus einem anderen Grund geschrieben. Die Rückkehrer aus dem Exil (und vermutlich auch diejenigen, die im Exil geblieben waren) sollten daran erinnert werden, dass Gott sein Volk nicht aufgegeben hatte und dass es bei all der Untreue auch geistliche Helden gegeben hatte, an dessen Vorbild es sich nun auszurichten galt.

In den ersten acht Kapiteln fügt der Chronist ein Geschlechtsregister an das andere, um die rechtmäßige Abstammungslinie des Gottesvolkes nachzuzeichnen. Seine Leser sollten erkennen: Wir stehen hier als Kinder der Verheißung.

Dann kommen wir zu Kapitel 9.

Der Chronist kehrt die jüngste Vergangenheit nicht unter den Teppich, sondern erinnert seine Zuhörer: „Und Juda wurde wegen seiner Untreue gefangen nach Babel weggeführt“ (V. 1).

Punkt.

Doch anstatt sich weiter darüber auszulassen, lässt er die Vergangenheit Vergangenheit sein und konzentriert sich auf die Zukunft. Der Chronist geht dann dazu über, die Bewohner von Jerusalem und der Umgebung exemplarisch aufzuzählen. Dabei fallen einige Besonderheiten auf.

Nach der Aufzählung der wichtigsten Priester, fasst er zusammen: „… und ihre Brüder, Familienoberhäupter, 1760, tüchtige Männer in der Arbeit des Dienstes des Hauses Gottes“ (V. 13). Was soll daran besonders sein, magst du jetzt fragen. Nun, dieser Ausdruck „tüchtige Männer“, der hier auf die Priester angewandt wird, wurde zuvor für militärische Helden verwendet (vgl. 1Chr 7,40). Damit hebt der Chronist die Priester und ihre Arbeit als besonders ehrenvoll hervor. Wie Kriegshelden, die ihrem Land einen wichtigen Dienst erwiesen haben.

Noch eindrucksvoller ist jedoch, dass der Chronist den größten Teil des Kapitels den Leviten – den Gehilfen der Priester – widmet. Wir lesen von Torhütern, von Menschen, die sich um die Geräte und sonstigen monotonen Dinge und Arbeiten rund um den neuen Tempel kümmerten (V. 14-34). Ihr Einsatz war nicht besonders glamourös, war aber dennoch ein Beweis dafür, dass sie um ihren neuen Status als Gottes erwähltes Volk wussten.

Etwas Neues hatte begonnen, und die Menschen gingen hoffnungsvoll und treu ihrer göttlichen Berufung nach, gespannt, wozu Gott sie gebrauchen würde. Aus anderen biblischen Büchern, wie Esra und Nehemia, wissen wir, dass nicht alles einfach war. Es gab Widerstand, Zeiten der Mutlosigkeit, aber auch Zusammenhalt, mutige Taten und Entschlossenheit.

Was hat das alles mit uns zu tun?

Wir sind eine neue Schöpfung!

Wenn wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, fangen wir auch noch mal ganz von vorne an. Der Apostel Paulus gebraucht dafür sogar das Bild einer Neuschöpfung:

Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden (2Kor 5,17).

Egal wie düster und verkorkst unsere Vergangenheit auch war – sie ist vergeben, sie ist Geschichte. An anderer Stelle schreibt Paulus:

Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen (Eph 2,10).

Hier spricht der Apostel davon, wozu dieses neue Leben in Christus gedacht ist: zu guten Werken, die Gott für uns vorbereitet hat.

Doch hier wird es spannend.

Es kann passieren, dass wir dem zustimmen, aber trotzdem anders leben. Praktisch sieht dass dann so aus, dass wir uns mehr mit unserer sündigen Vergangenheit beschäftigen als mit dem Neuen Leben in Christus, das Gott uns geschenkt hat.

Damit will ich nicht sagen, dass die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Je nach Situation kann es natürlich sein, dass wir Altlasten mit uns herumtragen, die wir angehen müssen. Die Hinwendung zu Christus befreit uns in den seltensten Fällen über Nacht von einer bestimmten Sucht oder heilt auch nicht sofort unsere angeknackste Ehe (oder was uns sonst so zu schaffen macht).

Sicherlich kann man auch von der anderen Seite vom Pferd fallen und die Themen Sünde, Umkehr und Buße völlig ausklammern. Aber darum geht es mir hier jetzt nicht. Natürlich ist es ohne Zweifel äußerst kritisch, wenn die Gemeinde Jesu keine Notwendigkeit mehr sieht, von Sünde zu sprechen. Aber ich frage mich, ob es nicht sogar noch gravierender ist, wenn Menschen, die wirklich ihre Sünde bereuten und neues Leben von Jesus geschenkt bekommen haben, ständig bei ihrer Bekehrung und ihren Sünden stehenbleiben, anstatt hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken!

Wie kann das aussehen?

Hier sind einige Bereiche und wie sich das äußern kann:

Bei deiner Bibellese

Wenn du deine Bibel liest, konzentrierst du dich hauptsächlich auf Bibelstellen, die von der Sündhaftigkeit des Menschen sprechen. Egal, ob es das Versagen des Volkes Israel, der Könige Saul, David und Salomo, die halbherzigen Nachfolger Jesu oder um die sieben Sendschreiben geht – immer, wenn es um das geistliche Versagen oder den Tadel Jesu geht, sagst du bekümmert: „Jepp, das bin ich!“ Bibelverse, die von der Treue im Glauben, von den Vorrechten der Gotteskindschaft und vom Segen Gottes sprechen, wendest du hingegen nur zögerlich auf dich persönlich an. 

In deinen Gebeten

Wenn du betest, fallen dir als Erstes die Dinge ein, die du zu bereuen hast. Du magst schon jahrelang mit Jesus unterwegs sein, fühlst dich aber häufig wie der Zöllner aus Jesu Gleichnis und dein Gebet besteht im Grunde nur aus dem Worten: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Denn alles andere – so denkst du – wäre geheuchelt. Und ein Pharisäer willst du schließlich auch nicht sein.

Wie du auf Predigten hörst

Fühlst du dich nach einer Predigt eher überführt oder ermutigt? Eher niedergeschlagen oder erbaut? Egal worum es in der Predigt geht, sobald die Aufforderung ergeht umzukehren, fühlst du dich angesprochen und gelobst Besserung. Wenn der Prediger von den verborgenen Götzen deines Herzens spricht, unterziehst du jeden deiner Wünsche und Sehnsüchte einer kritischen Prüfung, ganz egal ob es der Wunsch nach einem Ehepartner, nach Erfolg im Beruf oder einem entspannten Urlaub ist, und kommst zum Schluss, dass dein Herz vor Götzen nur so überquillt.

Wie du predigst

Und falls du selbst hinter der Kanzel stehst: Achte mal darauf, wie du deine Zuhörer ansprichst. Vielleicht weißt du, dass achtzig Prozent deiner Zuhörer reife Christen sind, vermittelst ihnen aber ein Gefühl, als wären sie entweder noch ungläubig oder hätten sich erst gestern bekehrt. Deine evangelistischen Appelle an die Nicht-Christen sind vielleicht stark, aber dem reifen Christen hast du selten etwas zu sagen (weil du womöglich der Meinung bist, dass er deine Ermutigung nicht braucht).

Wie du Gemeinde leitest

Auch in der Leitung einer Gemeinde (oder einer Jugend- oder Kleingruppe) kann man zu sehr in der Vergangenheit behaftet sein. Praktisch sieht das dann so aus, dass man sehr viel von Sünde, Bekehrung und Buße spricht, sei es in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den Seminaren und Gruppen oder in den Büchern, die auf dem Büchertisch liegen.

Ein Bereich, in dem sich das ganz subtil niederschlagen kann, ist das Maß an Kontrolle, dass du ausübst. Wer noch viel mit der Sündhaftigkeit und dem Versagen seiner Mitglieder rechnet, sieht viel mehr die Notwendigkeit bestimmte Bereiche des Gemeindelebens zu kontrollieren als jemand, der mehr auf das Wirken des Heiligen Geistes im Leben seiner Gemeindeglieder vertraut und daher mehr Verantwortung abgeben kann.

Natürlich muss eine Gemeindeleitung tatsächlich leiten. Nicht jedes Gemeindemitglied sollte jede Aufgabe übernehmen. Aber siehst du eher die Schwachstellen deiner Mitglieder oder das Potenzial, das in ihnen schlummert? Wie viel traust du ihnen zu?

Kopf hoch!

Friedrich Nietzsche wird die Aussage nachgesagt, die Christen sollten „erlöster“ aussehen. Ob er das tatsächlich gesagt hat oder nicht, ich denke, dass viele Christen optimistischer sein sollten, als sie es jetzt sind.

Natürlich, wir versagen oft und wir machen Fehler. Aber wenn Gottes Geist tatsächlich in uns lebt, verändert er uns auch.

Natürlich, wir fühlen uns unseren Aufgaben nicht gewachsen, aber Gott begabt diejenigen, die er beruft.

Natürlich, wir mögen nicht die Welt verändern, aber es waren vornehmlich Christen, die die Welt in den letzten 2000 Jahren maßgeblich zum Guten beeinflusst haben. Neulich las ich einen Kommentar unter einem Youtube-Video, in dem es um den Einfluss des Christentums in der Welt ging. Dort schrieb jemand sinngemäß: „Ich bin kein Christ, aber ich bin froh in einem christlich geprägten Land zu leben.“ Nicht alles, was in der Welt passiert, ist schlecht.

Die Rückkehrer aus dem babylonischen Exil mussten in vieler Hinsicht ganz von vorne anfangen. Die Umstände waren alles andere als ideal. Aber der Chronist wusste, dass die sündige Vergangenheit in den mehr als siebzig Jahren im Exil verarbeitet worden war und dass es nun an der Zeit war, nach vorne zu blicken und der Verheißung Gottes zu glauben, die da lautet:

Denkt nicht an das Frühere, und auf das Vergangene achtet nicht! Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht? (Jes 43,10)

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