Woher hat Jesus seine Lehre von der Hölle?
Jesus spricht in den Evangelien ganz klar und mit erschreckenden Bildern über die Hölle. Woher hat Jesus das? Ist dies eine neue Offenbarung für den Neuen Bund? Selbst die Apostel halten sich darüber in ihren Briefen zurück.
Beim Bibellesen verwundert es schon, dass die Lehre von der Hölle plötzlich im Neuen Testament, insbesondere bei Jesus selbst, stark präsent ist, während sie im Alten Testament nahezu vollständig fehlt. Tatsächlich ist es so, dass Jesus in der Bibel am häufigsten über die Hölle spricht, während Paulus in seinen Briefen zwar das Gericht Gottes betont, aber nie konkret die Hölle beschreibt. Auch die anderen neutestamentlichen Autoren halten sich bei dem Thema sehr bedeckt. Im Folgenden will ich versuchen, eine Erklärung dafür zu finden.
Das Totenreich im Alten Testament
Das Alte Testament kennt keine Hölle im neutestamentlichen Sinne, wohl aber das Totenreich, den Scheol. Dies ist zunächst der Bestimmungsort aller Menschen (vgl. Ps 89,49). Auch alttestamentliche Gläubige wie Jakob (vgl. 1Mo 37,35), Hiob (vgl. Hiob 17,13) und David (vgl. Ps 16,10) gingen davon aus, dass der Scheol auf sie wartet. Während für die Gottlosen der Scheol die Endstation ist (vgl. Ps 9,18), schimmert jedoch immer wieder die Hoffnung durch, dass Gott seine Frommen aus dem Scheol befreien wird: „Wie Schafe weidet sie [die Gottlosen] der Tod, sie sinken zum Scheol hinab; und am Morgen herrschen die Aufrichtigen über sie; ihre Gestalt zerfällt, der Scheol ist ihre Wohnung. Gott aber wird meine Seele erlösen von der Gewalt des Scheols; denn er wird mich aufnehmen“ (Ps 49,15-16; Hervorhebung vom Autor).
Noch interessanter wird es, wenn wir zu Jesaja kommen. In Jesaja 14 wird ein Spottlied auf den König von Babylon angestimmt. Hier wird ein dramatisches Bild vom Scheol gezeichnet, das in uns automatisch ein Bild von der Hölle erzeugt: „In den Scheol hinabgestürzt ist deine Pracht und der Klang deiner Harfen. Maden sind unter dir zum Lager ausgebreitet, und Würmer sind deine Decke“ (Jes 14,11). Ganz am Ende des Prophetenbuchs wird Gottes Gericht an den Abtrünnigen dann mit folgenden Worten beschrieben:
Und sie [die Gerechten] werden hinausgehen und sich die Leichen der Menschen ansehen, die mit mir gebrochen haben. Denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht verlöschen, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch. (Jes 66,24)
Diese Beschreibung kommt dem neutestamentlichen Bild einer Hölle schon verdächtig nah.
Die Hölle zwischen den Testamenten
Denn das griechische Wort für Hölle (geenna) leitet sich von der hebräischen Ortsbezeichnung für das Tal Ben-Hinnom (gy’ hnwm) ab. Im Alten Testament war dieses Tal dafür bekannt, dass die bösen Könige Ahas und Manasse dort ihre Kinder dem Götzen Moloch opferten (vgl. 2Chr 28,3; 33,6). Durch den Propheten Jeremia ließ Gott dem Volk ausrichten, dass dieses Tal des Götzendienstes ein Ort des göttlichen Gerichts werden würde (vgl. Jer 7,32; 19,6).
In späterer Zeit wurde das Tal Ben-Hinnom, das südlich von Jerusalem liegt, als Mülldeponie genutzt. Die Menschen verbrannten dort ihren Müll und anscheinend schwelte das Feuer dort permanent, ohne jemals wirklich zu verlöschen (so mag zumindest der Eindruck gewesen sein).[1] In den jüdischen apokryphen Schriften, die zwischen dem Alten und Neuen Testament entstanden sind und nicht zum biblischen Kanon gehören, wird das Tal als Ort des ewigen Gerichts Gottes über die Gottlosen erwähnt. So z. B. im Buch Henoch:
Da antwortete mir Uriel, einer der heiligen Engel bei mir und sprach zu mir: Diese verfluchte Schlucht ist für die ewig Verfluchten bestimmt; hier werden alle versammelt, die mit ihrem Mund gegen Gott Unziemliches reden und über seine Herrlichkeit frech sprechen. Sie werden hier versammelt, und hier ist die Stätte ihres Gerichts. (1 Hen 27,2)
Als Jesus auf die Erde kam und von der Hölle sprach, hatten seine – überwiegend jüdischen Zuhörer – also bereits ein klares Bild von der Hölle als einem Ort des göttlichen Gerichts. Jesus scheint an diese populäre Vorstellung anzuknüpfen, wenn er von der Hölle spricht, wobei er auch die oben erwähnte Jesaja-Stelle aufgreift, als er vor den Konsequenzen der Sünde warnt: „Und wenn dein Auge dir Anstoß zur Sünde gibt, so wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, ‚wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt‘“ (Mk 9,47-48).
Für uns, die wir heute direkt vom Alten ins Neue Testament überblättern mag die Hölle plötzlich und überrascht auftauchen. Doch den ersten Jünger Jesu, die zwischen den Testamenten aufgewachsen waren, war das Konzept vertraut.
Warum hat Jesus über die Hölle gesprochen?
Aber warum hat Jesus überhaupt so viel von der Hölle gesprochen? Ich denke, die Antwort liegt im fortschreitenden Charakter von Gottes Offenbarung, dessen Höhepunkt das Kommen Jesu Christi in diese Welt ist (vgl. Hebr 1,1). Mit dem Fortschreiten der Offenbarung wird sowohl Gottes Rettungsabsicht als auch die Konsequenz der Ablehnung deutlicher. Was im Alten Testament oftmals nur angedeutet wird, wird im Neuen Testament offenbart. Je weiter wir im Alten Testament lesen, desto verständlicher und detaillierter werden sowohl Gottes Rettungsabsichten als auch seine Gerichtsworte. Daher macht es Sinn, dass Jesus Christus, der die Offenbarung Gottes in Person ist, auch am häufigsten und dringlichsten vor der Hölle als dem Ort der Gottesferne spricht.
[1] Swanson, James: „Dictionary of Biblical Languages with Semantic Domains: Greek“, New Testament Oak Harbor: Logos Research Systems Inc. (1997), s.v. γέεννα, DBLG 1147.
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